OpenAI hat intern erstmals detaillierte Zahlen zur eigenen KI-Nutzung veröffentlicht – und die Ergebnisse sind bemerkenswert. Laut dem hauseigenen Economic Research Team ist die Nutzung von Codex, dem Coding- und Arbeitsassistenten des Unternehmens, innerhalb weniger Monate in einigen Abteilungen um das 56-Fache gestiegen. Die Daten zeigen: Selbst bei einem Unternehmen, dessen Mitarbeitende unbegrenzten Zugang zu den leistungsfähigsten KI-Modellen der Welt haben, war die tatsächliche Nutzung bis Ende 2025 überraschend gering. Erst in den letzten Monaten hat sich das dramatisch geändert – mit Implikationen, die weit über OpenAI hinausreichen.
Hintergrund: Unbegrenzter Zugang, aber kaum Nutzung
Die Debatte um „Tokenmaxxing“ – also die Frage, ob Menschen KI-Tools tatsächlich intensiv nutzen oder eher sporadisch damit experimentieren – beschäftigt die Branche seit Monaten. Unternehmen investieren Milliarden in KI-Lizenzen und Infrastruktur, doch immer wieder zeigen Umfragen, dass die tatsächliche Adoption hinter den Erwartungen zurückbleibt. Mitarbeitende nutzen ChatGPT und Co. für schnelle Fragen, aber die tiefe Integration in den Arbeitsalltag bleibt oft aus.
Besonders bemerkenswert wird dieses Phänomen, wenn man es bei OpenAI selbst beobachtet. Die Mitarbeitenden des Unternehmens haben zu jeder Zeit unbegrenzten Zugang zu den neuesten Modellen – ohne Kostenlimit, ohne Wartezeiten, ohne bürokratische Hürden. Wenn irgendwo auf der Welt die Bedingungen für eine maximale KI-Nutzung perfekt sind, dann dort. Und trotzdem: Bis November 2025 war die Nutzung offenbar erstaunlich moderat.
Die Details: 56-facher Anstieg in der Forschung
OpenAI Economic Research hat die internen Nutzungsdaten von November 2025 bis Juni 2026 ausgewertet und dabei die kombinierten Output-Tokens pro aktivem Nutzer als Maßstab herangezogen. Die Ergebnisse sprechen eine deutliche Sprache:
- Research: Der Median der Nutzung stieg bis Juni 2026 auf das 56-Fache des November-2025-Niveaus – der mit Abstand größte Sprung.
- Customer Support: Hier lag der Anstieg beim 32-Fachen des Ausgangswerts.
- Engineering: Die Nutzung wuchs um den Faktor 27.
- Legal: Die Rechtsabteilung wuchs langsamer, erreichte aber immer noch das 13-Fache des November-Niveaus.
Ein weiteres Detail ist aufschlussreich: Bis August 2025 entfielen weniger als 10 Prozent der Token-Nutzung eines durchschnittlichen OpenAI-Mitarbeitenden auf Codex. Das bedeutet, dass der Großteil der Nutzung auf andere Aufgaben entfiel – und dass Codex erst danach seinen eigentlichen Durchbruch erlebte. Die Explosion der Nutzung fand also nicht primär beim Programmieren statt, sondern erstreckte sich über alle Unternehmensbereiche hinweg.
Besonders bemerkenswert: Der stärkste Anstieg kam aus der Forschungsabteilung, nicht aus dem Engineering. Das deutet darauf hin, dass KI-Tools zunehmend für komplexe analytische und kreative Aufgaben eingesetzt werden – nicht nur als bessere Autovervollständigung beim Coden.
Einordnung: Was das für dich als Solopreneur oder Marketer bedeutet
Diese Zahlen sind aus mehreren Gründen relevant – auch wenn du kein OpenAI-Mitarbeiter bist.
Erstens: Sie zeigen, dass selbst bei perfekten Bedingungen die KI-Adoption Zeit braucht. Wenn OpenAI-Mitarbeitende – Menschen, die KI-Modelle entwickeln und besser verstehen als fast jeder andere – bis Ende 2025 ihre eigenen Tools nur moderat nutzten, dann solltest du dir keine Vorwürfe machen, wenn dein Team oder du selbst noch nicht das volle Potenzial ausschöpft. Die Lernkurve ist real.
Zweitens: Der exponentielle Anstieg zeigt, dass es offenbar einen Kipppunkt gibt. Irgendwann zwischen November 2025 und Frühsommer 2026 hat sich bei OpenAI intern etwas fundamental verändert – sei es durch bessere Modelle, bessere Workflows oder schlicht die Erkenntnis, wie man KI wirklich produktiv einsetzt. Für Unternehmen im DACH-Raum bedeutet das: Wer jetzt anfängt, KI-Tools ernsthaft in den Arbeitsalltag zu integrieren, sollte nicht nach zwei Wochen aufgeben. Der echte Produktivitätsgewinn kommt oft erst nach einer Phase des Experimentierens.
Drittens: Die Verteilung über die Abteilungen ist aufschlussreich. Dass Customer Support (32x) und Legal (13x) solche Wachstumsraten zeigen, beweist: KI ist längst kein reines Entwickler-Tool mehr. Für Solopreneure und kleine Teams heißt das konkret, dass der Einsatz für Kundenanfragen, Vertragsanalysen, Recherche und Kommunikation mindestens genauso vielversprechend ist wie für Code-Generierung.
Ich finde persönlich den Hinweis aus der Quelle besonders treffend: „Sometimes, you just have to let them cook.“ Die Nutzung explodiert nicht durch Anordnungen von oben, sondern wenn Menschen genug Zeit und Raum bekommen, um selbst herauszufinden, wie KI ihren spezifischen Workflow verbessert.
Was kommt als nächstes
OpenAI setzt mit der Veröffentlichung dieser internen Daten ein bewusstes Signal: Die eigene Belegschaft ist der lebende Beweis dafür, dass KI-Nutzung nicht linear, sondern exponentiell wächst – wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Es ist davon auszugehen, dass das Unternehmen diese Daten auch nutzen wird, um Enterprise-Kunden zu überzeugen, die noch zögern.
Für den DACH-Markt stellt sich die Frage, ob Unternehmen ähnliche Muster beobachten werden. Die Voraussetzungen unterscheiden sich: Strengere Datenschutzanforderungen, andere Arbeitskultur und oft fehlende interne KI-Champions bremsen die Adoption. Doch die Grunddynamik dürfte dieselbe sein – erst langsames Herantasten, dann ein exponentieller Anstieg, sobald der praktische Nutzen erkennbar wird.
Spannend wird auch die Frage nach den Kosten. Wenn die Token-Nutzung pro Mitarbeiter um das 56-Fache steigt, steigen auch die Infrastrukturkosten erheblich. Für Unternehmen, die nicht über OpenAIs Ressourcen verfügen, wird die Entscheidung zwischen Cloud-basierten APIs und lokalen Open-Source-Modellen – wie dem aktuell viel diskutierten GLM-5.2 oder den neuen Ornith-1.0-Modellen – immer relevanter.
Eines zeigen die Zahlen unmissverständlich: Die Phase des vorsichtigen Ausprobierens neigt sich dem Ende zu. Wer KI-Tools in den kommenden Monaten nicht systematisch in seine Workflows integriert, riskiert einen erheblichen Wettbewerbsnachteil – nicht irgendwann, sondern jetzt.