Anthropics Jahresumsatz springt auf 65 Milliarden Dollar

Die KI-Branche sorgt mit einer neuen Strategie für Aufsehen – und für Entsetzen bei Buchhändlern, Autoren und Kulturschützern gleichermaßen. Anthropic, das Unternehmen hinter dem Chatbot Claude, soll über Zwischenhändler massenhaft Bücher aus Antiquariaten aufkaufen, sie scannen und anschließend vernichten. Allein in Deutschland sind schätzungsweise 700.000 Titel betroffen, weltweit könnten es drei Millionen sein. Was zunächst wie ein kurioser Trend im Buchhandel wirkte, entpuppt sich als systematische Datenbeschaffung für KI-Trainingszwecke – mit weitreichenden Konsequenzen für Urheberrecht, Buchkultur und den Zugang zu Wissen. Und mittendrin steht ein Unternehmen, dessen Jahresumsatz inzwischen in Sphären vordringt, die selbst Tech-Veteranen staunen lassen.

Hintergrund: Vom Web-Scraping zum Bücherkauf

Die großen KI-Unternehmen stehen vor einem wachsenden Problem: Die frei verfügbaren Textdaten im Internet sind für das Training moderner Sprachmodelle weitgehend ausgeschöpft. Qualitativ hochwertige, nicht digitalisierte Texte – also klassische Bücher – werden damit zum begehrten Rohstoff. Lange Zeit bedienten sich KI-Firmen an illegalen Quellen oder nutzten urheberrechtlich fragwürdige Downloads. Doch nach einer Welle von Klagen durch Autoren und Verlage brauchte die Branche einen rechtlich weniger angreifbaren Weg.

Ende Januar 2026 berichtete die Washington Post unter Berufung auf Gerichtsunterlagen erstmals über „Project Panama“ – ein internes Programm von Anthropic, das seit 2024 Millionen von Büchern beschafft, eingescannt und dem Chatbot Claude als Trainingsdaten zugeführt haben soll. Die Dokumente kamen im Rahmen eines Rechtsstreits ans Licht, den zahlreiche Buchautoren gegen Anthropic angestrengt hatten. Das Unternehmen erklärte sich bereit, 1,5 Milliarden US-Dollar zur Beilegung zu zahlen, und ein Bezirksrichter ordnete die Veröffentlichung von über 4.000 Dokumenten an.

Die Details: Nächtliche Massenbestellungen und destruktives Scannen

Was danach folgte, liest sich wie ein Krimi im Antiquariatsmilieu. Seit April 2026 gingen vor allem bei deutschen Antiquariaten nächtliche Massenbestellungen ein – hunderte Bücher pro Händler, immer nur ein Exemplar pro Titel, vorwiegend Sachbücher. Das Muster war stets dasselbe: Die Bestellungen kamen über die Plattform AbeBooks, bezahlt wurde ordnungsgemäß, geliefert wurde an ein Lager im sächsischen Kodersdorf. Als Besteller trat häufig das kanadische Unternehmen Zoom Books auf, das sich selbst als Buch-Recycler bezeichnet.

Der Verband der deutschen Antiquare berichtet von Massenbestellungen im Wert von 10.000 bis 50.000 Euro pro Händler. Betroffen sind Antiquariate in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das Vorgehen wird in Fachkreisen als „destruktives Scannen“ bezeichnet:

  • Der Buchrücken wird entfernt, um die Seiten einzeln lösen zu können
  • Die losen Seiten werden mit Hochgeschwindigkeitsscannern digitalisiert
  • Anschließend werden die physischen Reste entsorgt oder recycelt

Besonders betroffen sind Bücher mit ISBN ab den 1970er-Jahren – also keine echten Raritäten, sondern vergriffene Fach- und Sachbücher, die im regulären Handel kaum noch nachgefragt werden, aber sprachlich und inhaltlich wertvolles Trainingsmaterial darstellen. Genau diese Bücher verschwinden damit unwiederbringlich aus dem physischen Umlauf.

Einordnung: Was das für den DACH-Raum bedeutet

Für Solopreneure, Marketer und Tech-Interessierte im deutschsprachigen Raum hat diese Entwicklung mehrere Dimensionen. Zunächst die wirtschaftliche: Anthropics rasantes Wachstum – der Jahresumsatz wird inzwischen auf 6,5 Milliarden Dollar geschätzt – zeigt, wie aggressiv das Unternehmen seine Marktposition ausbaut. Die Investitionen in Trainingsdaten sind dabei nur ein Baustein einer Strategie, die auf maximale Datenqualität setzt.

Für Autoren und Rechteinhaber verschärft sich die zentrale Frage: Legitimiert der Kauf eines Buches automatisch dessen Nutzung als KI-Trainingsmaterial? Juristisch ist die Lage uneinheitlich. In den USA wird argumentiert, dass das Training mit legal erworbenen Büchern unter Fair Use fallen könnte. Im europäischen Rechtsraum – insbesondere unter der DSGVO und dem EU AI Act – dürfte diese Frage anders bewertet werden. Hier liegt meiner Meinung nach der eigentliche Sprengstoff: Das europäische Urheberrecht kennt kein Fair Use, und die Verwertung ganzer Bücher als Trainingsdaten geht weit über das hinaus, was eine Privatkopieschranke abdeckt.

Kulturpolitisch entsteht ein beunruhigendes Szenario. Wenn vergriffene Bücher in großem Stil aufgekauft und physisch vernichtet werden, wandert ein Teil des analogen Kulturerbes in private Datenbestände – und wird dem öffentlichen Zugriff entzogen. Bibliotheken, die auf Antiquariatsmärkte angewiesen sind, um Lücken zu schließen, stehen plötzlich in Konkurrenz zu milliardenschweren KI-Konzernen.

Für Antiquariate selbst ist die Situation ambivalent: Einerseits bringen die Massenbestellungen kurzfristig Umsatz, andererseits werden dadurch Bestände gebunden und normale Verkaufswege gestört. Mehrere Händler berichten von einem echten Gewissenskonflikt.

Was kommt als nächstes

Die Entwicklung steht erst am Anfang. Mehrere Szenarien zeichnen sich ab:

  • Regulatorische Reaktion: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der EU-Gesetzgeber reagiert. Der AI Act bietet bereits Ansatzpunkte, um Transparenzpflichten für Trainingsdaten durchzusetzen. Deutschland könnte mit einer Verschärfung des Urheberrechts vorangehen.
  • Weitere Klagen: Nach dem 1,5-Milliarden-Vergleich in den USA dürften europäische Autorenverbände und Verlage eigene Klagen prüfen. Die Verwertungsgesellschaft VG Wort hat sich bereits kritisch positioniert.
  • Nachahmung durch andere KI-Firmen: Wenn Anthropics Modell rechtlich standhält, werden OpenAI, Google und andere nachziehen. Der Run auf physische Bücher könnte sich massiv beschleunigen.
  • Gegenmaßnahmen des Buchhandels: Plattformen wie AbeBooks könnten gezwungen werden, Massenbestellungen durch KI-Unternehmen oder deren Zwischenhändler kenntlich zu machen oder zu unterbinden.

Was mich persönlich an dieser Geschichte am meisten beschäftigt: Wir erleben gerade in Echtzeit, wie analoges Wissen privatisiert wird. Ein Buch, das in einem Antiquariat steht, ist für jeden zugänglich. Dasselbe Buch, zerschnitten und als Tokensequenz in einem Sprachmodell verarbeitet, ist es nicht mehr. Das ist kein technisches Problem – es ist ein gesellschaftliches. Und es verdient eine gesellschaftliche Antwort, bevor die Regale leer sind.