Was ist passiert?
Die Frage, ob Künstliche Intelligenz mit urheberrechtlich geschützten Büchern, Artikeln und Medieninhalten trainiert werden darf, ist längst keine theoretische Debatte mehr – sie ist zur existenziellen Auseinandersetzung zwischen Tech-Giganten und Kreativen geworden. Während Google mit seinen AI Overviews und dem AI Mode ganze Medienlandschaften umwälzt, indem fast jede zweite Suchanfrage bereits eine KI-generierte Antwort erhält, kämpfen Verlage, Autoren und Journalisten um ihre wirtschaftliche Grundlage. Laut einer aktuellen Untersuchung des Datenspezialisten Similarweb ist der Anteil der AI Overviews bei Google-Suchanfragen von 13,3 Prozent im Juni 2025 auf 43,1 Prozent gestiegen – ein massiver Anstieg innerhalb eines einzigen Jahres. Die Konsequenz: Traffic bricht ein, Werbeeinnahmen schrumpfen, und die Frage, wer für das Training der KI-Modelle bezahlt, wird drängender denn je. Betroffen sind nicht nur große Medienhäuser, sondern auch Solopreneure, Blogger und Content-Creator im DACH-Raum, deren Inhalte möglicherweise ohne Erlaubnis in die Trainings-Pipelines der großen Modelle geflossen sind.
Hintergrund: Wie KI-Training und Urheberrecht kollidieren
Um zu verstehen, warum das Thema gerade jetzt so brisant ist, muss man einen Schritt zurückgehen. Große Sprachmodelle wie GPT, Gemini oder Claude werden mit gigantischen Textmengen trainiert – darunter Bücher, Nachrichtenartikel, wissenschaftliche Papers und Blogbeiträge. Die Unternehmen hinter diesen Modellen argumentieren, dass dieses Training unter Fair Use fällt oder dass die Texte lediglich „gelesen“ und nicht kopiert werden. Autoren und Verlage sehen das anders: Sie betrachten die Nutzung ihrer Werke als systematische Ausbeutung, für die weder Erlaubnis eingeholt noch Vergütung gezahlt wurde.
Jahrelang hat Google die Medienbranche bereits mit sich stetig ändernden SEO-Faktoren auf Trab gehalten. Doch mit dem Aufkommen und Erstarken von ChatGPT und ähnlichen KI-Assistenten entstand eine ernstzunehmende Bedrohung für das gesamte Ökosystem. Wer soll noch auf Links klicken, wenn die KI direkt Antworten liefert? Und woher stammen diese Antworten, wenn nicht aus den Inhalten, die Journalisten, Autoren und Kreative erstellt haben?
International laufen bereits zahlreiche Klagen – etwa von der New York Times gegen OpenAI oder von Autorenverbänden gegen Meta. In Europa hat die EU mit dem AI Act einen regulatorischen Rahmen geschaffen, der Transparenzpflichten für Trainingsdaten vorsieht. Doch die konkrete Umsetzung steht noch aus, und die Rechtslage bleibt in vielen Bereichen unklar.
Die Details: Wo die Grenzen verschwimmen
Das Problem ist vielschichtiger, als es auf den ersten Blick scheint. Es geht nicht nur um die Frage, ob ein Buch zum Training verwendet werden darf – es geht auch darum, was danach mit dem Wissen passiert.
Googles Strategie macht das besonders deutlich. Mit den AI Overviews liefert die Suchmaschine eine Kurzübersicht über den klassischen Suchergebnissen, inklusive Quellenverlinkungen. Im neueren AI Mode hingegen erhalten Nutzer Chat-Antworten auf ihre Suchanfragen – mit deutlich weniger Verweisen auf die Originalquellen. Der Weg zurück zu den klassischen Suchergebnissen wird komplizierter, der Traffic zu den Originalinhalten sinkt.
Gleichzeitig zeigt sich ein weiteres Paradoxon: Dieselben KI-Modelle, die auf geschützten Inhalten trainiert wurden, verändern nun die Plattformen, auf denen diese Inhalte bisher distribuiert wurden. OpenAI hat beispielsweise angekündigt, Custom GPTs auf persönlichen Konten nicht mehr neu erstellen zu lassen – ein Zeichen dafür, dass sich die Plattformen konsolidieren und die Kontrolle über Wissen und Workflows zunehmend zentralisiert wird.
- Transparenzproblem: Kaum ein KI-Anbieter legt offen, welche konkreten Bücher, Artikel oder Datensätze zum Training verwendet wurden.
- Vergütungslücke: Selbst wenn Inhalte nachweislich genutzt wurden, gibt es bisher kaum funktionierende Vergütungsmodelle für Urheber.
- Wertschöpfungskette: Die KI-Unternehmen generieren Milliardenumsätze, während die Ersteller der Trainingsdaten oft leer ausgehen.
- Rechtsunsicherheit: Die Gesetzgebung hinkt der technologischen Entwicklung in fast allen Jurisdiktionen hinterher.
Einordnung: Was das für dich im DACH-Raum bedeutet
Wenn du als Solopreneur, Content-Creator oder Marketer im deutschsprachigen Raum arbeitest, betrifft dich diese Debatte gleich auf mehreren Ebenen. Einerseits nutzt du wahrscheinlich selbst KI-Tools, die auf genau diesen umstrittenen Trainingsdaten basieren. Andererseits bist du möglicherweise selbst betroffen – denn auch deine Blogartikel, Newsletter oder E-Books könnten ohne dein Wissen in Trainingsdaten gelandet sein.
Die Entwicklung bei Google ist dabei besonders relevant: Wenn 43,1 Prozent aller Suchanfragen bereits eine KI-Übersicht erhalten, bedeutet das für viele Content-Strategien einen fundamentalen Umbruch. SEO, wie wir es kannten, verändert sich radikal. Die Frage ist nicht mehr nur „Wie ranke ich bei Google?“, sondern „Wie stelle ich sicher, dass meine Inhalte nicht einfach von KI-Systemen absorbiert werden, ohne dass ich davon profitiere?“
Im europäischen Kontext bietet der AI Act zwar einen Rahmen, der Transparenz bei Trainingsdaten fordert. Doch die praktische Durchsetzung wird noch Jahre dauern. Für deutsche Urheber gilt zudem das vergleichsweise strenge Urheberrechtsgesetz – aber ob ein deutsches Gericht einem US-Unternehmen tatsächlich die Nutzung von Trainingsdaten untersagen kann, ist eine offene Frage.
Meine ehrliche Einordnung: Die Branche steht vor einem Fairness-Problem, nicht nur vor einem Rechtsproblem. Selbst wenn das Training technisch legal sein sollte, bleibt die moralische Frage, ob es in Ordnung ist, dass Unternehmen mit Bewertungen von hunderten Milliarden Dollar auf der kreativen Arbeit von Millionen Menschen aufbauen, ohne diese systematisch zu vergüten.
Was kommt als nächstes?
Die nächsten Monate werden entscheidend. Mehrere Gerichtsverfahren in den USA könnten Präzedenzfälle schaffen, die auch für den europäischen Markt richtungsweisend sind. Gleichzeitig arbeitet die EU an der konkreten Umsetzung der AI-Act-Vorgaben zu Trainingsdaten-Transparenz.
Für dich als KI-Nutzer im DACH-Raum empfehle ich drei konkrete Schritte:
- Eigene Inhalte schützen: Überprüfe deine robots.txt und setze klare Signale, ob KI-Crawler deine Inhalte nutzen dürfen.
- Diversifiziere deine Kanäle: Wenn Google-Traffic durch AI Overviews einbricht, brauchst du alternative Reichweitenquellen – Newsletter, Communities, direkte Kundenbeziehungen.
- Bleib informiert: Die Rechtslage entwickelt sich rasant. Was heute noch Grauzone ist, kann morgen durch ein Urteil geklärt sein.
Eines ist sicher: Die Frage „Darf man Bücher zum KI-Training nutzen?“ wird nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantwortet werden. Wahrscheinlicher ist ein Lizenzmodell, ähnlich wie bei Musik-Streaming – wo Urheber zumindest anteilig vergütet werden. Bis dahin bleibt es ein Kräftemessen zwischen den Interessen der Tech-Giganten und den Rechten der Kreativen. Und wir alle – als Nutzer, als Ersteller, als Gesellschaft – sollten genau hinschauen, wie dieses Kräftemessen ausgeht.