Eine neue Studie des IMDEA Networks Institute aus Madrid sorgt für Aufsehen: KI-Anbieter wie OpenAI, Google und Anthropic geben offenbar weit mehr Nutzerdaten an Dritte weiter als bislang angenommen – darunter teilweise sogar komplette Chatverläufe. Die Untersuchung mit dem Titel „Prompt like a Butterfly, Sting like a Tracker“ analysierte neun führende KI-Dienste sowohl im Browser als auch als Android-App. Die Ergebnisse zeichnen ein ernüchterndes Bild: Kein einziger der untersuchten Anbieter kommt ohne Datenweitergabe aus. Für Nutzer im DACH-Raum, wo die DSGVO eigentlich höchste Standards garantieren soll, wirft das unbequeme Fragen auf.
Hintergrund: Vertrauen auf Datenschutzversprechen
Wenn du mit ChatGPT, Claude, Gemini oder einem anderen KI-Chatbot sprichst, gibst du oft mehr preis als in einer Google-Suche. Du formulierst Geschäftsideen, teilst persönliche Probleme, lässt Verträge prüfen oder bittest um medizinischen Rat. Die Eingaben in KI-Chatbots sind häufig intimer und detaillierter als klassische Suchanfragen – und genau das macht die Datenschutzfrage so brisant.
Bislang verließen sich die meisten Nutzer auf die Datenschutzrichtlinien der Anbieter. OpenAI betont regelmäßig, Nutzerdaten verantwortungsvoll zu behandeln. Google verweist auf seine etablierten Privacy-Standards. Anthropic positioniert sich sogar explizit als sicherheitsbewusster Anbieter. Doch wie viel davon Marketingversprechen sind und wie viel gelebte Praxis, wurde bislang kaum systematisch überprüft.
Das IMDEA Networks Institute – eine international ausgerichtete Forschungseinrichtung für Kommunikations- und Datennetze mit Sitz in Madrid, gegründet 2006 als gemeinnützige Stiftung – hat genau diese Lücke geschlossen. Das Institut forscht in Bereichen wie Big Data, Cloud-Computing, Machine Learning, Netzwerksicherheit und Datenschutz und bringt damit die nötige Expertise mit, um KI-Dienste auf Herz und Nieren zu prüfen.
Die Details: Was die Studie konkret aufdeckt
Im Rahmen der systematischen Datenschutzanalyse wurden neun führende dialogorientierte KI-Anbieter untersucht – sowohl deren Webversionen im Browser als auch, sofern vorhanden, deren Android-Apps. Die Studie, die derzeit als Preprint vorliegt und erst 2027 vollständig veröffentlicht werden soll, kommt zu mehreren alarmierenden Ergebnissen:
- Alle untersuchten Anbieter geben Nutzerdaten an Dritte weiter. Kein einziger Dienst arbeitet ohne Datenweitergabe – das betrifft sowohl die großen Namen wie ChatGPT, Claude und Gemini als auch kleinere Anbieter.
- Teilweise werden ganze Chatverläufe weitergegeben. Das bedeutet: Nicht nur Metadaten wie Nutzungszeitpunkte oder Gerätetypen fließen ab, sondern potenziell auch die konkreten Inhalte deiner Gespräche mit dem KI-System.
- Die Weitergabe erfolgt über Tracking-Mechanismen, die in die Web- und App-Versionen der Dienste eingebettet sind – ein Verfahren, das aus der klassischen Online-Werbung bekannt ist, aber bei KI-Chatbots eine neue Qualität erreicht.
Der Titel der Studie – „Prompt like a Butterfly, Sting like a Tracker“ – bringt das Problem auf den Punkt: Du tippst arglos deine Prompts ein, doch im Hintergrund sticht ein Tracking-Mechanismus zu, der deine Daten abgreift und weiterreicht.
Einordnung: Was das für Nutzer im DACH-Raum bedeutet
Für Solopreneure, Marketer und Tech-Interessierte im deutschsprachigen Raum hat diese Studie unmittelbare praktische Relevanz. Denn gerade professionelle Nutzer verarbeiten über KI-Chatbots regelmäßig sensible Informationen: Kundendaten, Geschäftsstrategien, Finanzzahlen, Vertragsentwürfe. Wenn diese Inhalte über Tracking-Mechanismen an Dritte fließen, bewegen sich Unternehmen schnell in einem DSGVO-relevanten Graubereich.
Meine Einschätzung: Die Studie bestätigt einen Verdacht, den viele Datenschutzexperten schon lange hegen. KI-Anbieter finanzieren ihre enormen Infrastrukturkosten nicht allein durch Abo-Gebühren. Die Daten der Nutzer sind Teil des Geschäftsmodells – ob als Trainingsdaten, für personalisierte Werbung oder als Handelsware für Dritte. Dass OpenAI gerade erst ein neues Werbeformat eingeführt hat, unterstreicht diesen Trend zusätzlich.
Besonders problematisch: Die meisten Nutzer haben keine realistische Möglichkeit nachzuvollziehen, welche ihrer Eingaben wohin fließen. Die Datenschutzrichtlinien der Anbieter sind oft vage formuliert und räumen sich breite Rechte ein. Wer KI-Dienste professionell nutzt, sollte daher folgende Maßnahmen in Betracht ziehen:
- Keine hochsensiblen Daten wie Kundennamen, Kontodaten oder Geschäftsgeheimnisse in öffentliche KI-Chatbots eingeben.
- Enterprise-Versionen mit expliziten Datenschutzvereinbarungen (DPA) bevorzugen, die eine Weitergabe vertraglich ausschließen.
- Lokale KI-Modelle wie Llama oder Mistral in Betracht ziehen, die auf eigener Infrastruktur laufen und keine Daten nach außen senden.
- Die Opt-out-Optionen der Anbieter konsequent nutzen – etwa die Möglichkeit, das Training mit eigenen Daten zu deaktivieren.
Was kommt als nächstes
Die vollständige Veröffentlichung der IMDEA-Studie ist für 2027 angekündigt. Bis dahin dürfte der Preprint bereits politische Wellen schlagen – insbesondere in der EU, wo die KI-Verordnung (AI Act) gerade in die Umsetzungsphase eintritt. Es ist gut möglich, dass europäische Datenschutzbehörden die Ergebnisse zum Anlass nehmen, konkrete Prüfverfahren gegen die großen KI-Anbieter einzuleiten.
Gleichzeitig wächst der Markt für datenschutzfreundliche Alternativen. Europäische Anbieter wie Mistral, das gerade erst sein neues Modell Mistral Large 4 vorgestellt hat, positionieren sich bewusst als DSGVO-konforme Option. Auch die Nachfrage nach On-Premise-KI-Lösungen – also Modellen, die auf firmeneigenen Servern laufen – dürfte durch solche Studien weiter steigen.
Eines wird durch diese Untersuchung jedenfalls klar: „Kostenlos“ bedeutet bei KI-Diensten nie wirklich kostenlos. Du bezahlst – wenn nicht mit Geld, dann mit deinen Daten. Und wie sich zeigt, sind diese Daten weit mehr wert, als die meisten Nutzer ahnen. Wer KI professionell einsetzt, muss Datenschutz als strategische Entscheidung begreifen – nicht als lästiges Häkchen in den Einstellungen.