Was ist passiert?
Midjourney, bekannt als eines der einflussreichsten KI-Unternehmen im Bereich Bildgenerierung, hat einen völlig unerwarteten Schritt gewagt: Das Unternehmen hat einen medizinischen Ganzkörper-Scanner vorgestellt, der auf Ultraschalltechnologie basiert und die medizinische Bildgebung revolutionieren soll. Gründer David Holz bezeichnete das Gerät als „die erste neue Ganzkörper-Bildgebungsmodalität seit 50 Jahren“. Der sogenannte Midjourney Scanner ist ein Prototyp, der mit über 358.000 Ultraschallelementen arbeitet und detaillierte Körperaufnahmen ohne Strahlung ermöglichen soll. Dazu plant das Unternehmen ein eigenes Spa in San Francisco, in dem die Scanner der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen. Die Reaktionen der Tech-Szene schwanken zwischen Begeisterung und Skepsis – doch die Ambitionen sind unübersehbar.
Hintergrund: Vom Bildgenerator zum Medizintechnik-Unternehmen
Midjourney hat sich seit 2022 als einer der führenden KI-Bildgeneratoren etabliert. Mit seinem Discord-basierten Tool können Millionen Nutzer weltweit fotorealistische Bilder per Textbefehl erzeugen. Das Unternehmen ist dabei einen ungewöhnlichen Weg gegangen: komplett eigenfinanziert, ohne externe Investoren, mit einem vergleichsweise kleinen Team und enormer Profitabilität.
Dass Midjourney jetzt in die medizinische Bildgebung einsteigt, wirkt auf den ersten Blick wie ein radikaler Bruch. Doch bei genauerem Hinsehen gibt es Verbindungen: Das Unternehmen hat tiefe Expertise in Bildverarbeitung, Datenrekonstruktion und visueller KI aufgebaut. Die medizinische Bildgebung – ob MRT, CT oder Ultraschall – ist im Kern ein Bildrekonstruktionsproblem. Und genau hier setzt Midjourney an.
Die klassischen Bildgebungsverfahren in der Medizin sind seit Jahrzehnten weitgehend unverändert: Röntgen, CT-Scans mit ionisierender Strahlung und MRT mit starken Magnetfeldern. Alle haben Nachteile – sei es die Strahlenbelastung, die hohen Kosten oder die eingeschränkte Verfügbarkeit. Ein strahlungsfreier, kosteneffizienter Ganzkörper-Scanner könnte hier tatsächlich eine Lücke füllen.
Die technischen Details: Was Midjourney vorgestellt hat
Der Midjourney Scanner ist ein Ganzkörper-Ultraschall-CT-System, das in einem Ring mit 70 Zentimetern Durchmesser angeordnet ist. Die technischen Eckdaten sind beeindruckend:
- 8.960 Transducer pro Chip-System, insgesamt 40 Systeme in einem Ring angeordnet
- 358.000 Ultraschallelemente insgesamt
- Datenerfassung mit rund 17 GB pro Sekunde
- Etwa 40 GB Daten pro Körperschicht
- Rekonstruktion über 21 Server mit 2 Petaflops Rechenleistung
- Insgesamt 806 Terabyte Rohdaten
- Angestrebte Auflösung von internen Gewebedetails bis hinunter zu 0,5 Millimetern
- Ziel: Mehrere hundert Schichtaufnahmen in 60 Sekunden
Die Ultraschallwellen bewegen sich durch Wasser mit etwa 1.481 m/s, während der Ring den Körper scannt. Aktuell dauert ein Scan noch rund 20 Minuten, da das System durch Bandbreite, Algorithmen und die Prototyp-Infrastruktur limitiert ist. Bisher wurden etwa ein Dutzend Personen gescannt.
Besonders bemerkenswert: David Holz betonte, dass in den gezeigten Bildern noch keine KI zum Einsatz kommt. Die Rekonstruktionen basieren bisher auf klassischer Signalverarbeitung. Das bedeutet im Umkehrschluss: Wenn KI-gestützte Bildrekonstruktion hinzukommt – und genau darin liegt Midjourneys Kernkompetenz –, könnte die Qualität nochmals deutlich steigen.
Das Team hinter dem Scanner umfasst derzeit nur etwa neun Personen. Für ein medizintechnisches Projekt dieser Tragweite ist das bemerkenswert schlank.
Das Midjourney Spa: Medizin trifft Wellness
Parallel zum Scanner hat Midjourney das Midjourney Spa angekündigt – einen physischen Ort nahe dem Union Square in San Francisco. Das Konzept klingt ambitioniert:
- Rund 2.300 Quadratmeter Fläche auf vier Etagen
- 9 bis 10 Scanner vor Ort
- Whirlpools, Saunen, Eisbäder und ein Fitnessstudio
- Design von Architekten, die an Projekten wie der Blue Lagoon in Island mitgewirkt haben
- Geplante Eröffnung: Ende 2027
Die Idee dahinter: Ganzkörper-Scans sollen so alltäglich werden wie das Betreten einer Waage. Midjourney will die medizinische Bildgebung aus dem klinischen Kontext lösen und in eine Wellness-Umgebung einbetten. Das Unternehmen gibt an, das Spa komplett selbst zu finanzieren – ganz im Einklang mit seiner Philosophie, ohne Investoren zu arbeiten.
Einordnung: Was bedeutet das für den DACH-Raum?
Zunächst die ehrliche Einschätzung: Dieser Scanner ist ein Prototyp, kein fertiges Produkt. Midjourney hat Gespräche mit der US-amerikanischen FDA aufgenommen, aber eine Zulassung – geschweige denn eine europäische CE-Zertifizierung – liegt noch in weiter Ferne. Die Community auf Hacker News hat zu Recht darauf hingewiesen, dass viele Fragen ungelöst sind.
Dennoch solltest du diesen Launch nicht unterschätzen. Wenn ein KI-Unternehmen mit nachgewiesener Bildverarbeitungs-Expertise und solider Finanzierung in die Medizintechnik einsteigt, verändert das die Dynamik. Für Solopreneure und Startups im Health-Tech-Bereich im DACH-Raum ist das ein Signal: Die Grenzen zwischen KI-Software und Hardware-Medizintechnik verschwimmen zunehmend.
Für Marketer und Tech-Interessierte zeigt der Launch etwas Grundsätzliches: KI-Unternehmen diversifizieren aggressiv. Midjourney ist nicht mehr nur ein Bildgenerator – es ist ein Unternehmen, das physische Produkte baut und Immobilien anmietet. Wer heute KI-Strategien für sein Business entwickelt, sollte in deutlich größeren Kategorien denken.
Interessant ist auch der Vergleich mit dem, was sich parallel in der deutschen KI-Landschaft tut: Während Celonis und Deepset sich zusammentun, um eine europäische Alternative zu Palantir in der Datenanalyse zu schaffen, geht Midjourney einen ganz anderen Weg – von der Software in die physische Welt. Beide Ansätze zeigen, dass KI-Unternehmen 2025 über ihre ursprünglichen Nischen hinauswachsen.
Was kommt als nächstes?
Die nächsten Meilensteine sind klar: Midjourney muss den Scanner vom 20-Minuten-Prototyp auf die angestrebten 60 Sekunden pro Ganzkörper-Scan beschleunigen. Dann steht die Integration von KI in die Bildrekonstruktion an – das ist der Moment, in dem das Projekt wirklich spannend wird. Und schließlich muss die FDA-Zulassung gemeistert werden, was erfahrungsgemäß Jahre dauern kann.
Robert Scoble, der bei der Vorstellung dabei war und auch die Launches des iPhones und von Tesla miterlebt hat, verglich die Ambitionen des Projekts mit genau diesen historischen Momenten. Das ist natürlich Tech-Euphorie in Reinform – aber es zeigt, welches Potenzial die Branche in diesem Ansatz sieht.
Meine Einschätzung: Midjourney Medical ist das ambitionierteste Seitenprojekt der KI-Branche seit langem. Ob der Scanner tatsächlich die Medizin revolutioniert, wird sich frühestens 2027 zeigen. Aber allein die Tatsache, dass ein neunköpfiges Team einen solchen Prototyp bauen konnte, sagt viel über die Geschwindigkeit aus, mit der KI-Unternehmen heute in völlig neue Märkte vorstoßen können. Für alle, die im KI-Ökosystem unterwegs sind, lautet die Botschaft: Denk nicht in Produktkategorien – denk in Fähigkeiten.