Eine Münchner-Berliner Allianz gegen den US-Überwachungsriesen
Zwei der bekanntesten deutschen KI-Unternehmen haben sich zusammengetan, um dem US-Konzern Palantir die Stirn zu bieten: Celonis, der Münchner Weltmarktführer im Process Mining, und Deepset, das Berliner Startup hinter dem populären Open-Source-Framework Haystack, bündeln ihre Kräfte. Die Partnerschaft zielt auf einen Markt, der bislang vor allem von Palantir dominiert wird – die Datenanalyse für Behörden, Sicherheitsorganisationen und kritische Infrastrukturen in Europa. Auch wenn beide Unternehmen den Namen Palantir offiziell nicht in den Mund nehmen, ist die Stoßrichtung unmissverständlich. In einer Zeit, in der die Abhängigkeit europäischer Institutionen von US-Tech-Konzernen zunehmend kritisch diskutiert wird, könnte diese Allianz genau zum richtigen Zeitpunkt kommen.
Hintergrund: Warum Europa ein Palantir-Problem hat
Um zu verstehen, warum diese Partnerschaft so bedeutsam ist, musst du dir die einzelnen Akteure genauer ansehen. Palantir wurde von Trump-Unterstützer Peter Thiel mitgegründet, der nach wie vor die Strippen zieht. Das Unternehmen hat sich weltweit als dominante Datenanalyseplattform für Behörden, Geheimdienste und kritische Infrastrukturen etabliert – auch in Deutschland und Europa. Polizeibehörden, Nachrichtendienste und Gesundheitsorganisationen setzen auf Palantirs Software, um riesige Datenmengen auszuwerten. Das Problem: Sensible europäische Daten fließen in die Systeme eines US-Konzerns mit engen Verbindungen zum amerikanischen Sicherheitsapparat.
Gleichzeitig hat die aktuelle geopolitische Lage – von den Spannungen rund um US-Exportbeschränkungen bei KI-Modellen bis hin zur kürzlichen Sperrung von Anthropics Fable-5-Modell durch die US-Regierung – das Thema digitale Souveränität in Europa massiv beschleunigt. Die Frage, wie abhängig sich europäische Staaten und Unternehmen von amerikanischer Technologie machen sollten, ist keine theoretische mehr. Sie ist hochpolitisch und brandaktuell.
Die Details: Was Celonis und Deepset zusammen vorhaben
Celonis ist 2011 aus einem Forschungsprojekt der Technischen Universität München entstanden und wurde bei einer Finanzierungsrunde 2022 auf rund 13 Milliarden US-Dollar bewertet. Das Unternehmen ist Weltmarktführer im sogenannten Process Mining – also der systematischen Analyse von Geschäftsabläufen. Die Plattform wertet Daten aus verschiedenen Unternehmenssystemen aus: Auftragsabwicklung, Kundenverwaltung, Logistik. Über 3.000 Mitarbeiter arbeiten weltweit für Celonis, zu den Kunden gehören Schwergewichte wie Fujitsu, Uniper, PepsiCo und die Deutsche Telekom.
Deepset wurde 2018 in Berlin gegründet und ist etwas kleiner, in seiner Nische aber äußerst einflussreich. Das Unternehmen hat mit Haystack ein Open-Source-Framework entwickelt, das Unternehmen ermöglicht, KI-Komponenten in ihre eigenen Anwendungen zu integrieren. Besonders relevant: Haystack wird intensiv für sogenannte RAG-Anwendungen (Retrieval-Augmented Generation) genutzt. Dabei werden KI-Systeme mit unternehmenseigenen Daten verbunden, sodass sie nicht nur auf allgemeines Wissen zugreifen, sondern gezielt Informationen aus internen Datenbanken abrufen können. Zu Deepsets Kunden zählen unter anderem Airbus und Bosch.
Die Kombination ergibt strategisch durchaus Sinn:
- Celonis bringt die Fähigkeit mit, komplexe Geschäftsprozesse zu durchleuchten und zu optimieren – samt Zugang zu großen Enterprise-Kunden.
- Deepset liefert die KI-Infrastruktur, um diese Prozessdaten mit modernen Sprachmodellen und RAG-Technologie intelligent abfragbar zu machen.
- Zusammen entsteht eine Plattform, die europäischen Organisationen eine Alternative zu Palantirs datengetriebener Entscheidungsfindung bieten könnte – mit dem entscheidenden Unterschied, dass die Technologie aus Europa kommt.
Einordnung: Was das für den DACH-Raum bedeutet
Ich sage es offen: Diese Partnerschaft ist ein überfälliges Signal. Seit Jahren diskutieren wir in Europa über digitale Souveränität, über GAIA-X und europäische Cloud-Initiativen – oft mit überschaubarem Ergebnis. Dass sich hier zwei tatsächlich erfolgreiche deutsche Unternehmen mit globaler Relevanz zusammentun, hat eine andere Qualität als politische Absichtserklärungen.
Für Solopreneure und Marketer im DACH-Raum ist das Thema vielleicht nicht unmittelbar handlungsrelevant – Palantir-Lizenzen dürften bei den wenigsten Freelancern im Tech-Stack stehen. Aber die Partnerschaft steht für einen größeren Trend: Europäische KI-Alternativen werden wettbewerbsfähig. Wer heute Deepsets Haystack als Open-Source-Lösung für eigene RAG-Projekte nutzt, profitiert bereits von diesem Ökosystem. Und wer als mittelständisches Unternehmen Process Mining betreibt, bekommt künftig möglicherweise eine integrierte KI-Lösung ohne US-Abhängigkeit.
Die geopolitische Dimension ist dabei nicht zu unterschätzen. In einer Welt, in der die US-Regierung KI-Modelle per Anordnung sperren kann und Peter Thiel als Palantir-Gründer enge Verbindungen zur aktuellen US-Administration pflegt, wird die Frage der Datenhoheit für europäische Behörden und Unternehmen zur strategischen Priorität. Eine deutsch-europäische Alternative ist nicht nur wirtschaftlich sinnvoll – sie ist sicherheitspolitisch notwendig.
Was kommt als nächstes?
Die entscheidende Frage wird sein, ob es Celonis und Deepset gelingt, ihre Partnerschaft über eine Pressemitteilung hinaus mit konkreten Produkten zu füllen. Palantir hat über zwei Jahrzehnte Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Regierungen und Sicherheitsbehörden gesammelt – diesen Vorsprung holt man nicht über Nacht auf.
Gleichzeitig öffnet sich gerade ein historisches Zeitfenster: Europäische Regierungen investieren massiv in Verteidigung und digitale Infrastruktur. Die Bereitschaft, auf europäische Lösungen zu setzen, war selten größer als jetzt. Wenn Celonis und Deepset es schaffen, eine überzeugende Plattform für den öffentlichen Sektor zu bauen – DSGVO-konform, transparent und technologisch auf Augenhöhe – könnte das der Beginn einer echten europäischen Alternative werden.
Beobachte außerdem, ob sich weitere europäische KI-Unternehmen dieser Allianz anschließen. Einzelne Partnerschaften sind gut, ein ganzes Ökosystem wäre besser. Europa hat die Talente und die Technologie – was bislang fehlte, war der Wille zur Zusammenarbeit. Celonis und Deepset machen einen vielversprechenden ersten Schritt. Ob daraus ein Sprint wird, entscheidet sich in den kommenden Monaten.